Nähen tut der Seele gut, das spüren wir intuitiv. Aber warum eigentlich? Hast Du Dich schon einmal gefragt, warum wir uns nach einem stressigen Tag so sehr nach unserer Nähmaschine sehnen? In einer inspirierenden Podiumsdiskussion der Nähgang während der Clubhaustage 2025 wurde genau dieses Thema von Psychologin Stefanie von Liesl & Fred beleuchtet. Das Nähen und andere Handarbeiten sind ein Anker in schwierigen Momenten. Gemeinsam mit Barbara, der Gründerin der Nähgang und den Expertinnen Friederike und Katharina von Into the Wild Studio wurde in dieser Runde deutlich, dass unser Hobby weit mehr ist als reine Handarbeit. Es ist ein echtes Instrument für die psychische Gesundheit.
Was die Wissenschaft über Nähen und die Seele sagt
Warum fühlen wir uns beim Nähen so gut? Stefanie erklärte uns, dass Handarbeiten Stress reduzieren und den Blutdruck senken. Das hat evolutionäre Wurzeln: Wenn wir etwas mit den Händen erschaffen, zeigen wir unserem Körper, dass wir für unser Wohlergehen sorgen (ähnlich wie beim Hausbau oder der Nahrungssuche in der Steinzeit). Das setzt Hormone wie Dopamin und Serotonin frei. Dabei wirkt Dopamin als unser Belohnungssystem, das uns bei jedem fertigen Arbeitsschritt ein Hochgefühl schenkt, während Serotonin als innerer Stimmungsaufheller für tiefe Zufriedenheit und innere Ruhe sorgt.
Besonders spannend: Handarbeit kann sogar dabei helfen, Depressionen und Ängsten vorzubeugen, da sie uns ein Gefühl von Selbstwert und Wirksamkeit vermittelt. Wir erschaffen etwas aus uns heraus. Wir können etwas, wir schaffen etwas fertig. Das befriedigt einfach.
Der Zauber des Flow-Zustands
Kennst Du das Gefühl, wenn Du beim Nähen die Welt um dich herum komplett ausblendest? Das ist der sogenannte Flow-Zustand. Er tritt ein, wenn eine Aufgabe „genau richtig“ schwer ist. Sie darf nicht zu simpel sein, damit die Gedanken nicht wandern, aber auch nicht zu komplex, um nicht zu frustrieren. In diesem Zustand hat das Gehirn keine Kapazität mehr für Schmerzen oder Sorgen. Dann ist es auf eine schöne Weise beschäftigt.
Die drei Säulen der Lebenszufriedenheit
Warum macht uns gerade die Näh-Community so glücklich? Stefanie nennt drei Grundbedürfnisse für Lebenszufriedenheit, die unser Hobby perfekt erfüllt:
Kompetenz: Das Gefühl, etwas geschafft zu haben.
Autonomie: Wir entscheiden selbst, was wir nähen, wie wir Stoffe kombinieren und dass wir es nur für uns tun – ohne Leistungsdruck.
Soziale Verbundenheit: Ob bei lokalen Treffen oder digital – das Gefühl, Teil einer Gruppe von Gleichgesinnten zu sein, reduziert Einsamkeit.
Strategien für „graue Tage“
Wenn der Alltag schwer auf uns lastet, ist die Hürde ins Nähzimmer zu gehen manchmal riesig. Hier sind die besten Tipps aus der Runde:
Die „Darf-Liste“ statt „Muss-Liste“: Ändere Deine innere Haltung. Du musst nicht, Du darfst Dir die Zeit für Dich nehmen.
Stoffe streicheln und Aufräumen: Wenn die Energie für ein großes Projekt fehlt, hilft oft schon eine halbe Stunde Stoffe sortieren oder Farben kombinieren, um den kreativen Funken neu zu entfachen.
Das richtige Projekt für den Moment: Nutze einfache, monotone Aufgaben wie Linien quilten oder „Chain Piecing“ für chaotische Tage, um die Gedanken fließen zu lassen. Komplexe Muster (wie FPP) helfen dagegen, wenn man das Grübeln aktiv stoppen muss.
Die Mystery-Box: Bereite Projekte in Zeiten hoher Energie vor, sodass Du an schweren Tagen nur noch zugreifen darfst, ohne Entscheidungen treffen zu müssen.
Ein Plädoyer für die Auszeit
Besonders für die Mütter in unserer Runde war eines klar: Sich Zeit für das Hobby zu nehmen, ist kein Egoismus, sondern Selbstfürsorge. Wenn wir uns diese Auszeit nehmen, profitieren auch unsere Kinder und unser Umfeld davon, weil wir ausgeglichener zurückkehren.
Wenn die Spülmaschine das nächste Mal ruft, Dein Herz aber nach dem Nähzimmer verlangt, dann gib Dir diese Erlaubnis. Mit der Energie, die Du beim Nähen tankst, kannst Du den Alltag wieder entspannter wuppen.
FAQ zum Thema Nähen und die Seele
Warum ist Nähen gut für die Seele? Nähen aktiviert das Belohnungssystem im Gehirn und setzt Dopamin und Serotonin frei. Diese Botenstoffe sorgen für Zufriedenheit und innere Ruhe. Gleichzeitig versetzt das Nähen uns in einen sogenannten Flow-Zustand, in dem das Gehirn keine Kapazität mehr für Sorgen hat.
Kann Nähen bei Stress helfen? Ja, Handarbeiten senken nachweislich den Blutdruck und reduzieren Stress. Das hat evolutionäre Wurzeln: Wenn wir mit den Händen etwas erschaffen, zeigen wir unserem Körper, dass wir für unser Wohlergehen sorgen. Das beruhigt das Nervensystem.
Was ist der Flow-Zustand beim Nähen? Der Flow-Zustand tritt ein, wenn eine Aufgabe genau die richtige Schwierigkeit hat, nicht zu einfach und nicht zu schwer. In diesem Zustand blendet das Gehirn Schmerzen und Sorgen aus. Beim Nähen lässt sich dieser Zustand besonders gut erreichen, weil die Tätigkeit gleichzeitig konzentriert und entspannend ist.
Ist Nähen eine Form der Selbstfürsorge? Absolut. Sich Zeit für das Hobby zu nehmen ist kein Egoismus, sondern notwendige Selbstfürsorge. Wer ausgeglichen ist, hat mehr Energie für Familie und Alltag. Die Zeit im Nähzimmer lädt die eigenen Batterien wieder auf.
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